Artikel: Nie wieder offline[ Kolumne ]
12.02.2005  |   Klicks: 4681   |   Kommentare: 11   |   Autor: kroko
Nie wieder offline
„Welche Ziele verfolgt schneckenhof.de in den nächsten 15 Jahren?“, frage ich den sh.de-Chefideologen [emphase]tobi[/emphase]. [emphase]tobi[/emphase] zoomt sich auf Close-up Naheinstellung an mich heran und die Musik im Hintergrund wird dramatischer. Mit heiserer Stimme flüstert er mir ins Ohr: „Die Weltherrschaft, kroko. [emphase]Die Weltherrschaft.[/emphase]“
"Wenn ich das nur vorher gewusst hätte!“
Könnte Dein Leben nicht ganz anders aussehen, wenn Du bestimmte Dinge nur schon vorher gewusst hättest?
Die Prüfungsfragen der nächsten Klausur, die Börsenkurse der nächsten Woche – von den Lottozahlen ganz zu schweigen.

Glücklicherweise gibt es heutzutage genug Möglichkeiten durch das Schlüsselloch der Zeit zu linsen und die dahinterliegende Zukunft auszuspähen:
Es gibt den Wetterbericht, das Horoskop der Tageszeitung und den Veranstaltungskalender von schneckenhof.de.

Und es gibt eine ganz, ganz tolle Studie namens „Horizons 2020“, die kürzlich für den Siemens Konzern erstellt wurde und uns Einblick in die nächsten 15 Jahre gewähren soll.
http://w3.siemens.de/horizons2020/
http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,3 36360,00.html

Wenn man auf der Mannemer Mess (dem Rummel auf dem Neuen Messplatz) im Zelt der Wahrsagerin Madame Future noch einen Schein mehr auf die Tarotkarten drauflegt, offenbart sie einem auch die Tricks mit denen sie arbeitet:
„Wahrsagen ist ganz einfach, mein Jüngelchen“, verriet sie mir, mit plötzlich sehr tiefer männlicher Stimme (doch eher Captain Future? ), während sie mir ihre faltige Hand vertrauensvoll auf die Wange legte.
„Ich sage den Kunden nur, was sie sowieso hören wollen und nur Dinge, die ziemlich offensichtlich sind. Und ich beeindrucke sie mit geheimnisvollem Geschwafel von Lebenslinien und Tarotarchetypen.“

Ich fürchte, die Autoren der „Horizons 2002“ sind genauso verfahren.

Die Studie entwickelt zwei an Spannung kaum zu überbietende Szenarien:
In Szenario 1 dominiert ein starker Staat gegenüber schwachen Unternehmen.
In Szenario 2 dominieren starke Unternehmen gegenüber einem schwachen Staat.

In Szenario 1 gilt der Satz "Die Gesellschaft ist geprägt durch eine große Offenheit gegenüber neuen Technologien"
In Szenario 2 auch.

Damit ist das Wesentliche der Studie eigentlich schon zusammengefasst.

Die wird dann noch auf über 300 Seiten ausgewälzt, und statt mit „Lebenslinien“ wird der Leser ganz besoffen gemacht mit „Megatrends“, „Konsistenzmatrizen“, „Deskriptoren“ und den „116 befragten Fachleuten“.
(Von 671 angeschriebenen Fachleuten antworteten 116. )

Der SPIEGEL gleitet in seinem Bericht über die Studie in Science Pulp Fiction ab und fabuliert von einem „Computer, der ... [die] Szenarien berechnete“.
Das klingt irgendwie so, als hätte „der Computer“ vollautomatisch 671 Experten in aller Welt angeschrieben, Szenarien berechnet (nur zwei – man will den armen Rechner ja nicht vollends überfordern) und anschließend selbständig das 300seitige PDF-Dokument (die Studie) ausgedruckt.

Fraglos handelt es sich bei dem eingesetzten System um eine künstliche Superintelligenz, die sich nahtlos einreiht in die Ahnengalerie der Rechner mit eigenem Bewusstsein, wie HAL, COLOSSUS und dem Server von Schneckenhof.de.

Zumindest hat mich das auf die Idee gebracht auch eine kleine Zukunftsstudie zu erstellen.

Zunächst habe ich mir überlegt, wie die Welt vor 20 Jahren aussah, um dann auf die nächsten 15 Jahre zu extrapolieren. (Wollte doch auch mal ein Fremdwort anbringen.)

Ich nutzte den Beginn eines Werbeblocks im Fernsehen zum Nachdenken, öffnete ein Bier, und am Ende des Werbeblocks wusste ich es:
Die Welt von heute und die Welt von vor 20 Jahren unterscheiden sich vor allem durch zwei Dinge: Handy und DDR.
Das eine gab es damals noch nicht, das andere gibt es heute nicht mehr.

Unvorstellbar!
Klingeltonküken Sweety trug damals noch Brille und hieß Erich Honecker, war aber mindestens genauso nervig.

Vor 19 Jahren tauchte es dann auf:
Das erste Handy (das auch so genannt wurde!) kommunizierte 1986 für geizgeile 579 DM im „C-Netz“.
http://www.u32.de/handy86.jpg

Mit dem Wort „Handy“ haben wir übrigens noch Glück gehabt, wenn man die damals kursierenden Alternativen bedenkt: „Porty“, „Handfunke“ und „Ohrly“. („Hol Dir Sweety auf Dein Ohrly!“)

Wenn vor 20 Jahren jemand alleine in der Straßenbahn vor sich hinquasselte konnte man immerhin sicher sein, einen Verrückten vor sich zu haben.
Heute, im Zeitalter des Handys, ist es ganz normal die Umwelt zu ignorieren und durch Gespräche mit unsichtbaren Dritten zu belästigen.
Vielleicht ist ja auch einfach die ganze Welt verrückt geworden.

Welche Technologie, die heute noch im Anfangsstadium steckt, wird uns in 15 Jahren auf die Nerven gehen? Und welchen albernen Namen wird sie tragen?
Alles läuft zweifelsfrei auf das drahtlose Internet hinaus.
Gehen wir noch einen Schritt weiter: Das gehirnimplantierte Internetmodem verheißt uns Surfen ohne Pause: Nie wieder offline!
Wie könnte man dieses Gehirnimplantat nennen?
„Brainbrowse“, „Netmind“ und „Mindsurf“ findet google leider schon.
Wie wärs mit einem deutschen Wort: „Hirnwellenreiter“ oder „Birnenbrauser“?


Etwas schwieriger ist es, aus dem Untergang der DDR Erkenntnisse für die Zukunft abzuleiten.
Aber wenn wir wissen wollen, was die Zukunft bereit hält, müssen wir auch immer das Unmögliche denken.
Mauerfall oder gar Wiedervereinigung waren vor 20 Jahren, nur vier Jahre vor der Wende, absolut unvorstellbar.
Heute träumt die unausgesprochene Wunschvorstellung (West) vom Wiederaufbau der Mauer. http://www.stern.de/politik/deutschland/?id=529441

Daran glaubt im Augenblick auch niemand wirklich.

Aber he, vielleicht ist es 2010 doch soweit und wir bekommen die Tausend Milliarden Euro, die nach Ostdeutschland geflossen sind, zurückgezahlt. Das entspräche, bar auf die Kralle, mehr als 15.000 Euro Ossi-Verabschiedungsgeld für jeden Westdeutschen.


Soweit die Vorüberlegungen.
Exklusiv für schneckenhof.de-Leser erste Auszüge aus der daraus resultierenden, bahnbrechenden Studie:

„Schneckenhofizonte 2020“

2005
Die (Anti-)„Katerpille“ wird zum freien Verkauf in Apotheken freigegeben.
Das aus den Enzymen einer Schmetterlingsart gewonnene Wundermittel baut 2 Promille Blutalkohol innerhalb einer Stunde ab.

2006
Nie wieder uninformiert - Unipartys werden mit mehreren Webcams live auf schneckenhof.de übertragen.
Deutschland wird Fußballweltmeister.

2007
Handys mit Klingeltönen werden verboten.

2008
schneckenhof.de lehnt Übernahmeangebot von Bill Gates über 1 Billion US-Dollar ab. „Wir wollen unabhängig bleiben.“

2009
Die Studiengebühren für Erstsemester an der Elite Wirtschaftshochschule Mannheim erhöhen sich auf 3750 Euro pro Semester.

2010
Unabhängigkeitserklärung Ostdeutschlands.

2012
Nanotexkrise zwischen den USA und Westdeutschland – Zerstörung der Mannheimer Innenstadt. (siehe [articlelink51]„Apokalypse Mannheim“ [/articlelink51])

2014
Wiederaufbau Mannheims unter Bürgermeister Xavier Naidoo.

2018
Nie wieder offline!
Dank Stecknadelkopf großen Implantaten (neusurfs*), die als Internetempfänger fungieren und den Browseroutput von hinten auf die Netzhaut projizieren.
Maus und Taste haben abgedankt, die Steuerung erfolgt direkt durch Gehirnströme.

(*) Zusammengesetzt aus den Wörtern „Neuron“ und „Surfen“.

__________________________________________________ ______________________________


Nachtrag:
Die Studiengebühren könnten vielleicht noch verhindert werden – Politiker knicken bei genügend Widerstand ziemlich schnell wieder ein.
Zukunft kann nämlich nicht nur vorausgesagt, sondern auch verändert werden.
http://www.abs-bawue.de/


Ein Ereignis erscheint mir jedoch absolut unausweichlich:

2020
Der schneckenhof.de-Server reißt die Weltherrschaft an sich.


Im dann kommenden Zeitalter kann es sicher von Vorteil sein, wenn man schon seit 15 Jahren registrierter Benutzer auf schneckenhof.de ist.
Nur so als Tipp.

Sagt dann nicht, Ihr hättet es nicht vorher gewusst.
http://www.schneckenhof.de/cgi-bin/picCOM/anmelden .cgi
 
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11 Kommentare zu diesem Artikel
12.02.05, 14:18 Uhr #1 von Schnulli
wie goil... wobei die unabhängigkeitserklärung wohl nicht stattfindet... wie auch, wenn die ossis den westen unterwandern und dadurch die wessis rausekeln
Dieser Eintrag wurde 6 mal editiert, zuletzt 13.02.05, 14:18 Uhr
12.02.05, 16:45 Uhr #2 von mephisto
auf jeden fall die beste Kolumne seit Langem... auch wenn ich vermute dass du die Horizons2020-Studie nicht wirklich gelesen hast da steht nämlich, neben dem zitierten, auch einiges Interessantes drin
12.02.05, 18:55 Uhr #3 von Olle
LOOOOL, Martin du hast dich mal wieder selbst übertroffen
12.02.05, 19:55 Uhr #4 von lerka
die DDR Vergleiche finde ich absolute Klasse
12.02.05, 22:44 Uhr #5 von mbu1201
grüße an erich "sweety Tweety" honniiiiiii und an den zukünftigen bürgermeister xaver ganz großer sport, perfektes damentennis martin
13.02.05, 00:38 Uhr #6 von wolf
krokooooo! muuuahahahahahahaaa!!!
absolut genial

oh, mein porty (sportfreund? ) klingelt grad!
Dieser Eintrag wurde 1 mal editiert, zuletzt 13.02.05, 00:38 Uhr
17.02.05, 11:54 Uhr #7 von Spyridon

Also ich bin dafür das wir die unabhänigkeit der Ex DDR vorziehen.. und bin dafür das wir hessen verkaufen und das Saarland gegen das Elsas eintauschen!
17.02.05, 17:52 Uhr #8 von zeep
Sehr geil!
Die Zukunft ist übrigens schon heute:
http://www.chaser.de/
28.03.05, 16:03 Uhr #9 von nobodysfool
soso! ossis ekeln wessis raus! und wo werden dann die rausgeekelten wessis gelagert???
05.05.05, 13:41 Uhr #10 von minsaj20
super geile kolumne. weiter so!!!
10.05.05, 18:15 Uhr #11 von ZakMcKracken
Pinky: und was machen wir heute?
The Brain: natürlich die weltherrschaft erobern du trottel

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