Artikel: Griff ins Tabu[ Kolumne ]
14.05.2005  |   Klicks: 3778   |   Kommentare: 14   |   Autor: kroko
Griff ins Tabu
Wichtiger Hinweis: Der folgende Text könnte Ihrem guten Geschmack zuwiderlaufen und ist für Jugendliche unter 21 Jahren nicht geeignet.
Lässig tanzen wir Limbo unter der extrem niedrig hängenden Niveaustange durch. Immer mit dem Unterkörper voran. Immer auf der Suche nach dem letzten Tabu.

Über gewisse Dinge redet man nicht.
Die macht man einfach.

Aufs Klo gehen zum Beispiel.
Den Ort, wo selbst der Bundeskanzler zu Fuß hingeht.
Diese Anmerkung wäre natürlich eine bodenlos politische Inkorrektheit, hätten wir einen Bundeskanzler namens Wolfgang Schäuble.

(Der Witzforscher Alan Dundee behauptet übrigens, Franzosen würden eher zu genitalen Witzen neigen, während Deutsche erst beim analen Joke so richtig auf ihre Kosten kämen.
http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/0,1518, 348619,00.html

Warum nur wird das Thema "aufs Klo gehen" nicht ausführlicher in Film und Buch behandelt?
Gut, im progressiv provozierenden Theater läuft man schon mal Gefahr, dass man in der ersten Reihe von einem blasshäutigen Schauspieler vollgepinkelt wird.
Aber darum geht man da ja auch hin.

Nur wenige ausländische Filme machten sich durch ihre Kloszenen unvergesslich. Spontan fallen einem da Pulp Fiction, Verrückt nach Mary oder Green Mile ein.

Star Wars könnte viel mehr weibliche Fans haben, wenn der jungmännliche Anakin Skywalker (Hayden Christensen) seinen knackigen Hintern über ein futuristisches Schwebeklo halten würde - Kamera von unten.
Die Szene könnte Filmgeschichte schreiben, wenn die Exkremente anschließend dramatisch von der Lichtspülung pulverisiert würden. Kleine bunte Lichtschwerter zucken durch die endlose Dunkelheit von Darth Vaders Abort und hinterlassen nur eine gespenstische interstellare Wolke braunen Staubes.
Der Todesstern als überdimensionale Spülung einer mondgroßen Toilettenschüssel, das haben sich nicht mal Mel Brooks und Bully getraut.
"Sind wir falsch? Hier müsste der Planet Alderaan sein. Aber die Sensoren zeigen nichts außer einem anrüchigen Feinstaubpartikelfeld."


Wir verdrängen unser biologisches Schicksal.
Doch in Wahrheit ist unsere Unterleibsregion angefüllt mit dem Stuhl der nächsten Sitzung, Urin und halbverdauten Speiseresten.
Shice, oder?


Du bist soo schön, meine Freundin,
Doch in Deinem Innern,
Wie ich weiß,
Bist auch Du nur,
Eine Ansammlung von Scheiß,
Merkst nicht, dass
Bakterien sich in Dir nähren
und teilen,
Jedes Model und Athleten
Sind nicht nur dumm wie Brot,
Der Körperbau der Geilen,
Bloß ein Behälter für den Kot


Nur die Poesie vermag alles in Gold zu verwandeln.
Warum kann das unser Körper nicht auch?
Warum müssen wir alle 10 Minuten aufs Klo rennen, wenn es am vollsten ist?
Unangenehme Fragen, die man sich lieber nicht stellt.

Auf dem Schneckenhof ist in den Toilettencontainern für Männer eine schick designte alufarbende Urinalwand eingebaut worden.

Wunderbar. Da keine Einzelurinale mehr zu sehen sind, stellen sich die dichten Männer direkt nebeneinander. Zu dicht.
Letzte Woche stehe ich da und direkt neben mir so ein BWL-Schnösel mit seinem Bier in der Hand, hält seinen Strahl voll gegen die Metallwand und trifft in perfektem Männerbilliard, Einfallswinkel=Ausfallswinkel, direkt mich in gleicher Höhe, das heißt meine Hände, weil ich musste ja auch was halten.
Glücklicherweise hatte ich noch etwas Wein zum Hände desinfizieren übrig.

Dann gibt's im Schneckenhof noch die Bezahltoiletten im Hauptgebäude. Wenn man reinkommt, denkt man zuerst mal, man wäre in der Vor-Vorrunde bei 'Deutschland sucht den Superstar' gelandet. Zwei nach Geschlechtern getrennte Schlangen vor sich hin tänzelnder junger Talente (wie man halt so trippelt vor dem Klo). Und die Toilettenfrauen hinter ihren Tischchen sehen aus wie die gestrenge Auswahl-Jury.
Dann steht da noch ein Security-Mann neben dem Männerklo und passt auf, dass kein Weibsvolk die Männertoilette entweiht.
Da 99 % aller Frauen beim Austreten eine Kabine gegenüber der freien Wildbahn bevorzugen, ist die Schlange bei den Frauen natürlich sehr viel länger.
So viel zur in der neuen europäischen Verfassung festgeschriebenen Geschlechtergleichheit.

Tatsächlich kannte ich mal eine Wirtschaftsinformatikerin namens Evi, die angeblich im Schneckenhof einfach in die Ecke machte. Das habe ich allerdings nie selbst gesehen. Es wurde nur in Wirtschaftsinformatikerkreisen kolportiert. "Evi war ein halbes Jahr in Südamerika", hieß es.
Was man ja erstmal als Erklärung so hinnimmt, aber im Nachhinein frage ich mich, warum frau in Südamerika lernen sollte, mit halb runtergelassener Hose ihr kleines Geschäft zu verrichten. Weil man das im Regenwald so macht? Wegen der Hochgiftigkeitsspinnengefahr in der gemeinen südamerikanischen Kloschüssel?


Diese Abzocke mit 50% Bezahltoiletten im Schneckenhof ist wirklich unverschämt.
Eigentlich ist es ja unfassbar, dass man für ein unvermittelt sich ankündigendes Zwangsbedürfnis etwas zahlen muss.
Ich bezweifle stark, dass das rechtlich zulässig ist, und würde freien Zugang für freie Pi**er auch bis zum Bundesverfassungsgericht hin durchfechten, wenn ich mir nicht bis dahin schon längst in die Hose gemacht hätte.
Gibt es denn kein Grundrecht auf Entleerung?
Als ich die Toilettenfrauen fragte, ob sie sich nicht schämen würden, das natürliche Verlangen der menschlichen Natur für schnödes Geldschneiden auszunutzen sagten sie: "Wir machen nur unseren Job."
Den Satz kann ich ja schon gar nicht hören. Wird sie erschossen, wenn sie den Job ablehnt?
Also stieg ich auf den Toilettenkassiertisch und rief, Brüder und Schwestern zur Freiheit: "Toilettengehen ist Menschenrecht! Ihr Toilettenfrauen, erhebt Euch, niemand zwingt Euch dazu uns abzuzocken, lasst uns ein, wir sind alle ein Volk von Bedürftigen."
Dann hatten die Toilettenfrauen schon den Security-Mann vom Männerklo geholt, der mich mit mehr oder weniger sanftem Druck in den Hof zurückschob.
In seiner kurzen Abwesenheit von seinem eigentlichen Einsatzort füllte sich, wie ich mit Genugtuung feststellte, die Männertoilette mit Teilen der nachrückenden Frauenschlange, trotz hysterischen Aufstands der Toilettenfrauen.

In einigen Kulturkreisen fragt man nicht nach dem Weg zur Toilette, sondern nach einer Gelegenheit sich die Hände zu waschen ("I'd like to wash my hands").

Was die meisten deutsche Männer betrifft, ist diese Frage total lächerlich.
Treffender wäre: "Entschuldigen Sie, wo kann ich bitte Ihre Toilettenbrille besprenkeln?"

Anstand und Sitte in solchen Fragen führen sowieso ein kümmerliches Dasein.

So gibt es eine gern verschwiegene Problematik, mit der sich jeder heranwachsende Mann in seinem Leben schon einmal auseinander setzen musste, ohne dass ihm irgendjemand dafür Hilfe anböte oder einen Ratschlag gegeben hätte.

Denn welches Kapitel im Knigge erläutert dem 16jährigen, der aus dem Zimmer seiner Freundin kommt und im Flur deren Mutter trifft, das korrekte Verhalten?
Soll er ihrer Mutter die Hand verweigern? Oder ihr doch die Hand reichen und sich danach entschuldigen: "Verzeihen Sie, dass meine Hand etwas klebrig ist, aber ich hatte sie eben noch im Schritt ihrer Tochter."

Sollten Väter nicht mit ihren Söhnen über so etwas sprechen?
Wäre es nicht besser, wenn wir immer Erfrischungstücher mit uns führten?
Warum gibt es überhaupt Waschbecken in Männerklos?
Lohnt es sich Sagrotan zu benutzen, wenn wir anderen die Hand geschüttelt haben?

Wir glauben alles zu wissen und alles schon mal gesehen zu haben.
Das Fenster zur Welt und Kaminhöllenfeuer der Moderne, das Fernsehen, führt uns durch nie gesehene Welten.
Im Dickdarm von Susan Stahnke fanden wir uns schon wieder oder erblickten noch Unaussprechlicheres – Michael Jackson in Großaufnahme.
Das Internet kennt gar kein Erbarmen mehr. Jegliche humanoide Fleischklumpenform - wer www. ro**en.com nie sah, hat Glück gehabt.

Wir glaubten wir hätten schon alles gesehen. Pah!
Aber muss man sich unbedingt vorstellen, dass auch Rainer Calmund oder Hella von Sinnen ein Sexualleben haben? Im Detail?
Wollen wir wirklich Klaus Wowereit und Dirk Back zusammen nackt in einer Badewanne plantschen sehen?

Muss nicht sein.

Also mal was ganz anderes: Gibt es nicht auch asexuelle Tabus?

Einen der größten Skandale der Nachkriegsgeschichte provozierte Wolfgang Neuss ("auf deutschem Boden darf nie wieder ein Joint ausgehen"), als er 1962 den Halstuchmörder im Straßenfeger Krimi "Das Halstuch" per Annonce in der Berliner Zeitung "Der Abend" verriet.
Was für ein Skandal!
Jemand verrät die Auflösung einer Fernsehsendung und bringt so die ganze Nation in Rage. Damals war es eben noch einfach Tabus zu brechen.

Im neuen Jahrtausend verpassten einschlägige Ereignisse der Gesellschaft kurzfristig allergische Hypersensibilitätsausschläge.
Wer in der Hysterie nach dem 11. September eine falsche Bemerkung machte, konnte schon mal als Lehrer suspendiert oder fristlos gekündigt werden. So erging es auch einem Mitarbeiter einer Firma in Lüdenscheid, weil er nicht an einer betrieblich verordneten Schweigeminute teilgenommen hatte.

Die Erwähnung des Wortes Lüdenscheid erinnert mich immer an Loriots Müller-Lüdenscheidt, der mit Dr. Klöbner nackt in der Badewanne sitzt:

[Zitatanfang]

Müller-Lüdenscheidt: Wenn Sie die Ente hereinlassen, lasse ich das Wasser heraus.

Dr. Klöbner: Das sind wohl die Erpressermethoden einer Gangsterfirma.

Müller-Lüdenscheidt: Herr Doktor Klöbner!

Dr. Klöbner: Herr Müller-Lüdenscheidt!

[Zitatende]

Wenn man sich unvermutet mit Fremden in der Badewanne wiederfindet oder sich als Staat oder Gesellschaft von einer Handvoll ungehemmter Selbstmörder angegriffen fühlt, bricht schnell auch das letzte Tabu.

Jetzt stelle man sich nur kurz mal vor, was passieren würde, wenn Terroristen weltweit mehr als ein Dutzend Langstreckenflugzeuge innerhalb weniger Stunden in ihre Gewalt und zum Absturz bringen würden.
Nur ein einziges dieser Flugzeuge würde wie durch ein Wunder notwassern können.
Daraufhin werden alle Passagiere von einer US Elite-Einheit gefangen genommen und einer mehrwöchigen komatösen Gruppenhypnose unterzogen.
In dieser Gruppenhypnose wird den Überlebenden des Jets suggeriert, sie seien auf einer Insel notgelandet.

Die amerikanischen Ermittler wissen, dass sich Terroristen unter den Passagieren befinden müssen, können aber nicht sagen, wer es ist.
Ziel der Ermittler ist es, die Terroristen dazu zu bringen sich in der Extremsituation auf der simulierten Insel zu verraten.
Wüsste man, wer die Terroristen unter den Touristen sind, könnte man sie gezielt verhören, um die Hintermänner des weltweiten Anschlages zu ermitteln.
Durch gezielt eingestreute mysteriöse Ereignisse auf der Insel wird der psychologische Druck noch weiter erhöht.

Soweit das Hintergrundszenario des US-Serienhits "LOST".
Die Serie hat eine treue Fangemeinde, die vor allem eines nicht im Voraus wissen will: Die eben geschilderte Auflösung; die erst in den letzten beiden Folgen der Serie verraten werden wird.
Aber ob das heute noch ein Tabubruch ist?

Muss mal schnell für kleine Krokodile ...
 
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14 Kommentare zu diesem Artikel
15.05.05, 00:50 Uhr #1 von lerka
mit südamerika stimmt aber nicht
15.05.05, 12:14 Uhr #2 von Schnulli
15.05.05, 12:37 Uhr #3 von Schleifi
lol,kroko, das gedicht werd ich meiner zukünftigen mal vorlesen
15.05.05, 14:00 Uhr #4 von suechtig
super!!!!
bin ganz stolz auf dich, dass du es noch geschafft hast un nooch stolzer(gibts dieses wort??), weils so klasse geworden ist
na mein lieling is aber dann doch die sache, mit dem jungen herrn, der der mutter seiner bettgefährtin begegnet #bahaha#
jungs habt ihr wirklich solche probleme? ihr armen
15.05.05, 14:52 Uhr #5 von Jabo
@suchetig jungs habens garnich so leicht, wie mädl manchmal meinen mag
immer wieder genial diese kolumne zu lesen, klasse sache ^^
15.05.05, 19:47 Uhr #6 von wolf
klasse kroko

aber ännäkinn skaiwooka will ich nich auf'm klo sehn



15.05.05, 20:20 Uhr #7 von Hoola
Also leider hab ich auch schon www.ro**en.com gesehen, und fand es sehr anrüchig. Aber das Ende von LOST zu verraten ist schier unfassbar!!! schäm dich!!!
15.05.05, 21:19 Uhr #8 von mephisto
ich finds gut so muss ichs mir net mehr anschauen...
aber mal ganz ehrlich, kroko: Hast du überhaupt ne badewanne?
17.05.05, 00:13 Uhr #9 von tinkerbell1980
Danke , dass Du mir meine krankhaften Phantasien von Hayden Christensen abspenstig gemacht hast - er liegt auf der Erotikskala nun ungefaehr bei Hackfleischfetisch .....ich bin geheilt
18.05.05, 13:42 Uhr #10 von Spyridon
... korko ich hoffe du warst Händewaschen ...

am besten gefiehl mir die Vorstellung: "Soll er ihrer Mutter die Hand verweigern? Oder ihr doch die Hand reichen und sich danach entschuldigen: "Verzeihen Sie, dass meine Hand etwas klebrig ist, aber ich hatte sie eben noch im Schritt ihrer Tochter." .. als Pädagoge sag ich mal dazu dass man die Mutter der Tochter nicht kennenlernen sollte nachdem man die Tochter manuell befriedigt hat!

LG Spy
+ @ genialen Kroko!
18.05.05, 23:27 Uhr #11 von DoMundo
@spy: da sage ich jetzt mal gar nix mehr zu aber interessant, dass du mit dem Kroko rumbussist... äusserst interessant...
@kroko: du bist toll mehr worte sind nicht nötig...
19.05.05, 11:00 Uhr #12 von JimPansen
ich les nicht so gerne, aber was ich da bis jetzt gelesen hab find ich einfach demiplastisch und absolut convulativ derigierend! BLÖDSINN!!!!!
Du schreibst da sehr lustige sachen, danke für die unterhaltung........
01.06.05, 20:06 Uhr #13 von nova
...fallaicht muss ich Dich doch noch heiraten...
19.07.05, 17:55 Uhr #14 von ricky007
toll, jetzt muss ich lost nichtmehr gucken - war in letzter zeit eh etwas langatmig...
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